Skyline von Johannesburg

Skyline von Johannesburg

Lange ist es schon her, das wir von unserer diesjährigen Reise nach Südafrika zurück sind. Und bisher gibt es darüber kaum Blogposts… irgendwie kam immerzu etwas anderes dazwischen. Aber nun will ich doch endlich mal berichten und starte mit unseren letzten Urlaubstagen. Diese haben wir in Johannesburg verbracht.

Johannesburg? Aber das ist doch so gefährlich. Das lohnt doch keinen Besuch. Seht lieber zu, dass ihr diese Stadt meidet.

Das waren, kurz gefasst, die Reaktionen, die ich bei der Planung unserer Reise zu hören bekam. Und in den vergangenen Jahren hatten wir ja selbst in der Tat Jozie oder Joburg, wie die Stadt auch genannt wird, weitestgehend gemieden. In den letzten Monaten stieß ich dann jedoch immer wieder auf Berichte, wie sehr sich die Stadt in den letzten Jahren verändert habe, wie viel sicherer sie geworden sei, dass sie einen Besuch lohne und es eine lebendige Design-Kultur-Kunst-Szene gäbe.

Und so beschlossen wir: dieses Mal soll es Johannesburg sein. Und wenn wir dort schon ein paar Tage verbringen, dann steht auch Soweto auf dem Plan. Soweto aber, das war uns klar, sollten wir lieber nicht auf eigene Faust besuchen, dafür wäre ein organisierter Besuch angeraten. Bei meinen Recherchen fand ich etliche Veranstalter, die sogenannte Township-Touren anbieten. Schöne bunte Webseiten haben sie fast alle, inhaltliche Schwerpunkte gibt es bei einigen, man kann Soweto per Rad erkunden oder den Besuch dort mit einem Bungee-Sprung verbinden und in einem B&B in Soweto übernachten. Ob die angebotenen Touren allerdings auch für uns mit dem Rollstuhl geeignet sein würden? Nun gut, Bungee-Jumping ist eh nicht so unseres und mit dem Fahrrad, das war klar, würden wir Soweto wohl auch nicht erkunden können. Aber wir hatten ja einen umgebauten Mietwagen, vielleicht könnte man ja die Rundfahrt einfach als private Tour in unserem eigenen Fahrzeug durchführen? So dachte ich mir und überlegte gleich, dass dies auch den Vorteil hätte, bestimmte Schwerpunkte nach unseren Interessen setzen zu können.

Gesagt, getan und eine freundliche Mail in englischer Sprache verfasst und an mehrere Tourveranstalter gesandt. Und dann: warten… warten… was soll ich sagen? Auch nach einer freundlichen zweiten Nachfrage sah keiner der angemailten Veranstalter die Möglichkeit einer Tour für uns, ganz mehrheitlich befanden sie meine Anfrage noch nicht einmal einer Antwort würdig.

Über Thuli und Atamela

Thuli Khumalo

Thuli Khumalo

Wir befinden uns im Jahre 2015 n.Chr. Alle Township-Tour-Veranstalter haben kein Interesse an Kunden, zumindest nicht an Kunden mit Handicap? Alle Veranstalter? Nein! Eine kleine Ein-Frau-Agentur meldete sich, um die Besucher in ihrer Heimat willkommen zu heißen: Atamela Tours, geführt von Thuli Khumalo. Atamela ist ein Sotho-Wort und bedeutet so viel wie „zusammen kommen“. Und dieser Name ist für Thuli Programm.

Thuli ist in Soweto geboren und aufgewachsen. Sie hat einige Jahre in Deutschland gelebt, gelernt und gearbeitet. So hat sie einen einmaligen, afrikanisch-europäisch-kulturellen Hintergrund.  Mit ihrem Unternehmen Atamela Tours bietet sie verschiedene Ausflüge an, um die Probleme, aber auch den Optimismus der südafrikanischen Gesellschaft zu zeigen.

Was für uns ganz besonders wichtig war: sie hat uns Vorschläge gemacht, hat unsere im Vorfeld formulierten Wünsche berücksichtigt und uns so eine ganz individuelle, rollstuhlgeeignete Tour nur für uns und mit unserem Mietwagen durch Johannesburg und Soweto zusammengestellt. Während unserer ganztägigen Rundfahrt haben wir nicht nur „normale“ Touristenattraktionen besucht, wir haben Thuli darüber hinaus auch viele Fragen stellen können, von ihr zum Teil sehr persönliche, manchmal auch politische Antworten bekommen, über Einschätzungen miteinander diskutiert und ganz viel Neues erfahren.

Tour durch die Innenstadt von Johannesburg

Blick in Richtung Melville Koppies Johannesburg

Blick in Richtung Melville Koppies Johannesburg

Getroffen haben wir uns am Vormittag mit Thuli Khumalo am SABC, dem Sendezentrum des südafrikanischen Fernsehens. Von dort ging es auf direktem Weg zu einem tollen Aussichtspunkt auf dem Gelände der Universität Johannesburg. Vom A W Muller Stadion (barrierefrei erreichbar und sogar mit einer rollstuhlgerechten Toilette) konnten wir uns Johannesburg erst einmal von oben ansehen. Wir hatten tatsächlich einen fabelhaften Blick auf die Skyline der Stadt. Auf der Tribüne sitzend hörten wir Thuli zu, die uns erzählte, wie Johannesburg entstanden ist und sich zur Wirtschaftsmetropole des Landes und auch ganz Afrikas hochgearbeitet hat.

Die Region rund um Johannesburg war schon vor Millionen von Jahren besiedelt. Ein 3,3 Millionen Jahre alter Hominide der Gattung Australopithecus africanus, der in den Sterkfontein-Höhlen nordwestlich von Johannesburg im Jahr 1998 ausgegraben wurde, ist das älteste bisher gefundene, vollständige menschliche Skelett. (Über das entsprechende Museum, den „Cradle of Humankind“ hatte ich schon 2013 berichtet.) Später wurde das südliche Afrika von den San besiedelt. Sie lebten in der Region um Johannesburg bis etwa in das 11. Jahrhundert n. Chr., als sie von den Bantu immer weiter verdrängt wurden.

Goldgräber entdeckten 1886 Gold am Witwatersrand, die Fundstätte sollte sich als ein Teil der größten Goldlagerstätte der Welt erweisen. Die Stadt wurde als kleine Goldgräber-Siedlung und Zeltstadt gegründet. Mit der Entdeckung des Goldes wanderten viele farbige Südafrikaner, Arbeiter und Glücksritter aus England, der Kapkolonie und anderen Ländern in die burischen Gebiete des Goldrauschs und ließen sich in Johannesburg nieder. Innerhalb von zehn Jahren wuchs die Stadt auf über 100.000 Einwohner heran. Der ökonomische Wert dieses Landstriches stieg rasant, was zu Spannungen zwischen den Buren und den Briten führte, die ihren Höhepunkt im Zweiten Burenkrieg zwischen 1899 und 1902 fanden. Die Buren verloren den Krieg und auch die Kontrolle über die Südafrikanische Republik an die Briten. Als diese 1910 die Südafrikanische Union ausriefen, ebnete dies zwar den Weg für den organisierten Bergbau und legte damit den Grundstein für wirtschaftlichen Wohlstand. Allerdings installierte die südafrikanische Regierung in dieser Zeit ihr strenges Rassensystem. Die Zuwanderung von Schwarzen und Indern wurde streng reglementiert. Die schwarze und farbige Bevölkerung wurde gezwungen, in nach Rassen getrennte Gebiete, die zuvor von der weißen Regierung willkürlich festgelegt wurden, umzuziehen. Dadurch entstanden riesige Siedlungen, die sogenannten Townships, rund um Johannesburg, von denen Soweto (kurz für: South Western Townships) das bekannteste ist.

Diagonal Street

Hochhaus von Helmut Jahn an der Diagonal Str

Hochhaus von Helmut Jahn an der Diagonal Str

Anschließend fuhren wir in die Stadtmitte, wo wir einige wichtige oder historische Gebäude ansehen konnten. Unter anderem stoppten wir an dem von Helmut Jahn geschaffenen Wolkenkratzer in der Diagonal Street. Er ist 80 Meter hoch und sein Baukörper erinnert an einen Diamanten, der unterschiedliche Ansichten des Central Business Distrikts in seiner Fassade spiegelt. Ursprünglich für den Diamantenkonzern De Beers gebaut wird das Gebäude derzeit von der Johannesburger Stadtplanungsbehörde genutzt.

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Viertel rund um Market

in Newtown

in Newtown

Spannend auch das Viertel rund um das ehemalige Marktgebäude in Newtown, westlich der Innenstadt. Dort ist seit 1976 das Market Theatre und das Museum Africa beheimatet. Das Market Theatre erspielte sich in der Ära der Apartheid den Ruf, sich dieser Ideologie mutig entgegenzustellen. In diesem Gebäudekomplex gibt es Theater, Galerien, Restaurants, Bars, einen Jazzclub sowie einen Flohmarkt am Sonntagmorgen.

 

Besonders angetan hatten es mir dort allerdings die Wandgemälde an den Brückenpfeilern der Hochstraße.

Arts on Main

Arts on Main

Arts on Main

Rechtzeitig zur Mittagzeit erreichten wir Arts on Main, wo sich in den letzten Jahren ein weiteres kulturell und atmosphärisch spannendes Viertel entwickelt hat. Es verbindet Studio-, Gewerbe-, Wohn- und Einzelhandelsflächen in einem renovierten Lagerhaus, das 1911 erbaut wurde und bietet Raum für unterschiedliche Künstler aus Film, Literatur und zeitgenössischer Kunst. Daneben gibt es einige Läden mit südafrikanischer Mode, Einrichtung, Büchern und sowie Veranstaltungsflächen. Immer samstags gibt es hier einen Markt für regionale Lebensmittel und Kunsthandwerk.

In der Canteen @ Arts on Main haben wir zwischen alten Backsteingebäuden und unter einem Olivenbaum einen gemütlichen (und leckeren) Mittagsimbiss genossen. Eine schöne und weitestgehend barrierefreie Oase im Trubel der Metropole, frisch zubereitetes Essen und eine angenehme Atmosphäre.

Arts on Main

Arts on Main

 

Dieser Artikel mit freundlicher Genehmigung von Zypresse Unterwegs